AIR

Christian Krachts neuer Roman

Eine WhatsApp Rezension

“Wer Sprachnachrichten schickt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren” (Tagesspiegel) - NÖ! Wir haben ALLES im Griff. Aber seht selbst: im verschriftlichten Sprachnchnachrichten-Chat zwischen Dr. B. und Dr. D. über Krachts neuen Roman “Air”.

Dr. B.:

Du fandest ja Kracht eigentlich bisher nicht so geil, oder? Was fasziniert dich denn jetzt an seinem neuen Roman? Du hast von einem Gefühl gesprochen, das länger bleibt?

Dr. D.:

Na ja, ich würde sagen, an diesem Gefühl, das nach der Lektüre bleibt, merke ich, dass ich's richtig gut fand. Dass es noch lange nachhallt und ich nachdenke über Figuren, über Orte, über Deutungsräume, die da aufgemacht werden. Dadurch, dass ich mir noch weiterhin Gedanken drüber mache, die über das Lesen hinausgehen und jetzt auch wirklich noch Tage, Wochen nachhallen, merke ich, okay, das war ein richtig gutes Buch, das hat mich berührt, das hat mich bewegt und hat Bilder erzeugt, die bleiben. 

Die Bücher von Kracht davor waren mir zu viel Beschäftigung mit dem Selbst und mit den Gedanken von einer Person, die ich jetzt auch nicht wahnsinnig sympathisch finde und also, naja, das hat mich einfach nicht interessiert - hehe -  kann man jetzt mal so platt sagen. (Dr. D. lacht sich verschmitzt ins Fäustchen) Und dadurch, dass jetzt einfach eine Geschichte mit Handlung im Vordergrund steht, finde ich die Gedanken und Überlegungen besser eingebettet. Irgendein Rezensent fand die Story gar nicht spannend. Dem würde ich widersprechen, nur weil es eigentlich keinen Auftrag gibt oder ein Ziel und alles so ein bisschen im Ungewissen bleibt, heißt es für mich nicht, dass es nicht spannend wäre.

Dr. D.:

Aber du bist ja ein Kracht-Fan. Du hast deine Doktorarbeit über seine ersten Romane geschrieben und ihn zu einer Lesereise nach Kanada eingeladen. Jetzt ist dieses Buch komplett anders als die Vorgänger, am ehesten vielleicht noch mit Imperium vergleichbar. Was ich mich die ganze Zeit gefragt habe: Mir gefällt das Buch. Eigentlich müsste es dir dann nicht gefallen. Wir haben ja eigentlich ohnehin nie den gleichen Geschmack bei Büchern. Aber das kann nicht sein, dass dir ein Kracht-Buch nicht gefällt. Also?

Dr. D. (Ungeduldig auf Antwort wartend):

Ich finde das Lied "Der Anfang ist nah" von Käptn Peng passt voll gut zu dem Roman.

Dr. B.: Also ich bringe dieses Lied mit dem Buch überhaupt nicht zusammen. Das verstehe ich nicht. (Verzweifeltes Kopfschütteln darüber)

Dr. D. (resigniert: er hat´s eh nicht bis zu Ende gehört und es gar nicht versucht zu verstehen, weil es nicht seine Musikrichtung ist)

Dr. B.:

Naja, es ist mehr Story als bei den anderen Büchern von Kracht. Wobei, da würde ich auch total widersprechen, in den anderen Büchern geht's nicht um Ichfindung oder Nabelschau, sondern da war das Ich immer schon irgendwie entäußert. Aber mich begeistert die Story schon auch, die Atmosphäre, aber auch der Stil, dieses Abgründige. Auf der einen Seite wird man reingesogen, also richtig absorbiert von der Story, also man kann voll in diese Welt eintauchen. Auf der anderen Seite ist es dann auch immer wieder durch Unstimmigkeiten unterbrochen. Und durch Verweise darauf, dass es alles doch wieder nur Sprache ist. Also entweder Widersprüche in der Erzählung oder Dinge wie diese komische Obsession, dieser Spleen Pauls am Ende, dass alles flach ist. 

Dr. B nimmt eine weitere Nachricht auf.

Nee, also für mich ist Air überhaupt nicht anders als die anderen Bücher. Auch wenn die vordergründige Story so`n bisschen Fantasy ist, aber das war's immer irgendwie. Und der Stil hat sich ja auch nicht verändert. In Imperium stottert plötzlich ein Filmprojektor, und die Handlung setzt für einen Moment aus. Damit ist die Illusion gebrochen. In Air zum Beispiel funktioniert Pauls weisse Pistole nur, wenn sie das Mädchen Ildr bedient. Erinnere ich das richtig? Ist es nicht eine Pistole aus Keramik oder Porzellan, die mit einem 3D-Drucker gefertigt wurde? 

 

(Dr. D. schweigt vorerst zu diesem Thema, sie konnte die Nachricht nicht abhören, weil sie damit beschäftigt war ein Osternest zu häkeln.)

Dr. B.: Möglicherweise habe ich mir das so zusammenkonstruiert. Passt ja ganz gut: Der Inneneinrichter Paul mit einer Pistole aus Porzellan, die sich von ihm selbst nicht betätigen lässt. Oder das ist nur frei erfunden, also meta-meta…

(Dr. B. kurz überwältigt von seinem eigenen Alterungsprozess) Ach, ich habe einfach kein Gedächtnis. Weiter im Text, unser Gespräch führt sich nicht von selbst, Dr. D! Eigentlich finde ich das Buch total ernst, aber eben auch wahnsinnig kitschig. Das ist natürlich alles clever gemacht. Dr. B. liest etwas ungelenk vor: “Die fernen Sterne waren eine eisige Kruste, die Dunkelheit hinter den Sternen war kaum zu ertragen." Wunderschön und kitschig. Findest du's nicht sehr pathetisch?

(Dr. B. ist scheinbar davon überzeugt, weitere wichtige Gedanken äußern zu müssen.)

Wie Krachts Literatur funktioniert, sieht man hier. Warte, ich lese mal kurz vor:: “Das war aber ein nutzloser Nachtmahr gewesen, dachte er, aber es war ja nur ein Traum in einem Traum.” Also ein Traum in einem Traum. Das trifft's glaube ich ganz gut. Also wir träumen die Wirklichkeit oder uns träumt die Wirklichkeit, obwohl wir immer denken, dass hier alles ganz echt ist..

(Eine weitere Nachricht erscheint auf Dr. Ds Display.)

Und das Ganze fängt ja schon komplett irre an. Ich weiß nicht mehr, wer das gesagt hat, aber… (Die Aufnahme geht 20 Sekunden weiter, aber es ist nichts zu hören. Eine neue Nachricht erscheint auf Dr. Ds Display.) Jeder Gedanke, jede Philosophie ist ein wunderschön anzusehendes Schloss, das aber frei in der Luft hängt. Der Roman bemüht sich ja überhaupt nicht darum, eine Illusion aufrechtzuerhalten, sondern gleich am Anfang heißt es: “Das Leben war voller Sorgen, aber auch nicht wirklich.” Und weiter: “ Es war eine Zeit, in der viele Dinge schnell erworben und dann wieder vergessen wurden.” Es wird irgendwas ins Nichts hinein behauptet, und dann sofort wieder zurückgenommen oder zumindest relativiert. Das Krasse ist, dass die Illusion dadurch gar nicht vollständig platzt. Also, zu Ende gedacht, natürlich irgendwie schon. Aber das Gefühl der Illusion, nämlich dass wir in die fiktionale Welt des Buchs eintauchen, bleibt trotzdem absurderweise bestehen. Das ist umrissen, was Literatur eigentlich bedeutet. Das, was bleibt, ist ein Gefühlsnebel, dessen Grundlage dem Leser gerade im Medium der Illusion entzogen wurde. Das ist doch geil und wie immer meta-meta.

(Alter, was macht Dr. D.!? Die vierte Nachricht in Folge von Dr.B.)

Man baut Pathos auf und klatscht ein Augenzwinkern dahinter. Dass die Ironie das Pathos aber nicht zurücknimmt oder gar kaputt macht, sondern es, im Gegenteil, sozusagen legitimiert, indem es bewusst macht, dass man pathetisch ist und trotzdem darf man's sein, ist der Trick. Genauso wie das Fantastische, das die Daseinsberechtigung dadurch bekommt, dass es eben einfach in die Luft gestellt wird, aber ohne dass man irgendwie Wurzeln dafür groß ausarbeitet als Rechtfertigung. Hier wird keine Genesis von Mittelerde erzählt.

(Es geht weiter, ohne dass Dr. D auf eine der vier vorherigen Nachrichten eingegangen wäre.)

Dr. D.:

Guten Morgen. Ich habe jetzt mal ein paar Rezensionen von Air gelesen (aha! Das hat sie die ganze Zeit getrieben). Ich sehe in den Rezensionen nicht wirklich das besprochen, was ich in dem Buch gesehen habe. Was ich so schön finde an dem Roman, ist die Aussage Zukunft, Vergangenheit, Gegenwart, das ist alles egal, das ist eins und miteinander verwoben. Alles bezieht sich aufeinander, so dass eine Trennung keinen Sinn ergibt. Das Leben ist eine große Erzählung und diese Erzählung ist zeitlos. Alles gebiert sich auseinander heraus - irgendwie so… - Und alles ist Erzählung und deshalb ist es auch egal, wo du dich befindest. Ich sehe das im Roman zum Beispiel daran, dass die Mechanismen, wie die jeweilige Welt funktioniert zwar anders sind, aber irgendwie auf einer abstrakten Ebene doch gleich sind (Abwertung des Anderen, Rechtfertigung für die eigene Lebenswelt usw.). Also, die Steinmenschen empfinden dieses Reinliche-Asketische der Steinumgebung toll. Erde ist dreckig und unrein. Als sie dann in den üppigen Süden kommen, gewöhnen sie sich schnell an den Überfluss und schwelgen darin. Also das sind ja alles Konzepte, die  immer wieder abgespult werden und die sich immer wiederholen. Dafür steht für mich auch dieser Kreis, das religiöse Symbol, dass sich das alles aufeinander bezieht und es keinen Anfang und kein Ende gibt. 

Und dann ist es einfach egal, ob Paul sich in irgendeiner Serverfarm oder in der Vergangenheit (Mittelalter?) oder eben einer anderen Welt befindet. Auch die Dinge, die sich dort jeweils finden, sind gleich. 

Jedenfalls kommt mir das zu wenig in den Rezensionen vor. Also klar das Reisen durch die Zeit schon, er wird ja teilweise als Zeitreisender bezeichnet. Also das finde ich überhaupt irgendwie dämlich, die Bezeichnung passt doch gar nicht. Das hört sich so mechanisch an. Das ist es ja nicht. Paul ist ja eher ein metaphysischer Zeitreisender, vielleicht, wenn man so will.

Dr. B.:

Du bist ja eigentlich gar kein Kracht-Fan. Warum gefällt dir das jetzt doch? Ist es einfach nur der Fantasy-Aspekt? Weil den kannst du ja wahrscheinlich besser haben in Tribute von Panem oder so was? Oder ist es dann doch der Stil?

Dr. D.:

Ja, da gebe ich dir absolut Recht. Ich finde das Fantastische oder die “Fantasy” - so würde ich es ehrlich gesagt gar nicht nennen unbedingt -, das kriegt man natürlich wo anders besser. Deswegen hat wahrscheinlich auch der eine Rezensent geschrieben, dass er die Story lame findet. Aber im Gegensatz zu richtigem Fantasy ist hier ja nichts ausgestaltet. Es gibt so viele Leerstellen. Ich habe, glaube ich, ab der Hälfte des Buches zu dir gesagt: Jetzt bin ich mal gespannt, ob er das noch alles erklärt, wie das so passiert ist, dass Paul da jetzt reingesaugt wurde in diesen Server und warum und so weiter - dann wäre ich nämlich raus gewesen. Aber ab dem Zeitpunkt, als klar war, das wird nicht thematisiert (oder nicht groß zumindest, der blöde Sonnensturm musste natürlich doch noch eine Erklärung geben), fand ich es richtig stark.

Und zum Stil, also das Pathetische… Das hat mich, glaube ich, tatsächlich immer gestört bei Krachts anderen Romanen, weil ich ihm das irgendwie nicht so abgenommen habe, dass er das so augenzwinkernd meint, das kam bei mir immer so banal-pathetisch und ernst rüber. Für mich hat es da nicht funktioniert und hier funktioniert's. Vielleicht passtn es auch in diese andere mittelalterliche Zeit einfach besser rein, wobei er diesen Stil ja auch durchzieht, und auch in der unserer Welt sehr ähnlichen Welt gleich lässt. Er markiert also nicht mit Stilwechseln die "Epochen" oder Zeitebenen, sondern nutzt den Stil auch wieder um die Grundaussage (zumindest sehe ich darin die Grundaussage) zu untermauern: alles ist eins. Ein Unterscheiden macht keinen Sinn. Die Stelle, die du vorgelesen hast, mit den Sternen, da muss ich sagen das ist jetzt nicht der Stil, der für mich  ausschlaggebend ist, den Roman gut zu finden. Das ist eben schon sehr pathetisch und das wird jetzt da an der Stelle auch nicht zurückgenommen oder so. Den Anfang wiederum, den du vorgelesen hast, finde ich super. Also das hat mich auch gleich gehabt, dieses Relativieren und die Andeutung von Überfluss. Schon diesen ersten Satz kannst du ja auch gleich wieder auf die Ebene der Erzählung transportieren, was sind schon “echte” Sorgen. Der Stil passt hier einfach so viel besser als in diese anderen literarischen Räume, die er in den anderen Büchern aufgemacht hat. Das gefällt mir einfach, ist für mich stimmiger.

Dr. B.:

Ich finde, das Pathetische muss auch nicht an jeder einzelnen Stelle zurückgenommen werden. Ich meine, das ist die Ausgangslage des ganzen Buches, das Relativierende. Das ist für mich das Gemeinsame in Krachts Romanen. Ich sehe da keinen substantiellen Bruch zwischen Faserland und Air. Das ist für mich eine Linie, aber ich bin Literaturwissenschaftler, und die versuchen natürlich zu konstruieren. Und natürlich gibt's da Brüche dazwischen, aber der Stil, die Weltsicht oder die… naja Philosophie will ich's nicht nennen, weil das zu akademisch klingt, aber die Idee, wie die Welt funktioniert, also die Idee über die Mechanik der Welt ist die gleiche.

Dr. D.:

Was mich bissl genervt hat, das waren immer diese Dialoge, in denen Paul nicht antwortet auf die Fragen des Mädchens. Das erinnert mich so an diese amerikanischen Filme, in denen eine Figur dadurch mysteriös wird,  dass sie einfach nicht antwortet, nichts sagt. Das hat mich dann in der Story genervt, warum soll er dem Mädchen nicht antworten? Immer aus irgend so einem vorgeschobenen Grund, ja jetzt müssen wir aber schnell weiterlaufen, jetzt kann ich dir das nicht sagen. (Pause…) Aber jetzt, wenn ich drüber nachdenke, glaube ich, es ist schon auch gut so, wenn damit dargestellt werden soll, dass nicht alles erklärbar ist und auch nicht sein muss. Es muss nicht alles durchrationalisiert sein, man muss auch nicht alles bis ins Letzte erklären und sie checkt ja dann auch viel ohne Erklärung. Da geht es dann ja wieder um die Leerstellen und das Aushalten von ihnen.  Ja, aber da habe ich bissl kämpfen müssen, so mit mir, weil es eben genervt hat. Da hab’ ich sozusagen den Kampf mit der Ungewissheit nachempfinden können (lacht meckernd).

Dr. B.:

Für mich ist das Nichtantworten eher das Abstreifen von dieser Vaterfigur. Der Vater hat auf alles Antworten, und als Frager gerät man in dieser Konstellation in den Sog, dass der Papa alle Fragen beantworten muss. Dabei geht es dann nicht so sehr um die spezifische Antwort, sondern darum, dass dieses Verhältnis Vater-Sohn oder Vater-Tochter zementiert wird. Das bietet natürlich Sicherheit, aber wir finden uns in Krachts Literatur im Wolkigen wieder. Da ist nichts sicher, auch wenn es mal so klingt. Die Geschichten Krachts sind vom Vater befreit. 

(Eine weitere Sprachnachricht erscheint auf Dr. Ds Display.)

Hier geht's für mich um Wirklichkeit und Möglichkeit. Ich würde empfehlen, “Meteor. Versuch über das Schwebende” von Josef Vogel parallel zu lesen. Da geht´s ganz grob gesagt darum, dass das Mögliche immer das Reale umwölkt und ontologisch der Abstand zwischen beiden sehr knapp ist.

(Schon wieder erscheint eine neue Sprachnachricht.)

Und es geht bei Kracht um die Möglichkeit, irgendwie jemand anderes zu werden. Paul, der Inneneinrichter, ist ja komplett anders in der Welt Ildrs als auf den Orkneyinseln. Man traut ihm gar nicht zu, zu wissen, was zu tun ist, wenn man eine Wunde hat. Er wird zu einem guten Ersatzvater für Ildr, indem er das, was der Vater im psychoanalytischen Kontext bedeutet, eben nicht macht. Er gibt keine Antworten und ist trotzdem für sie da. 

Dr. D. : 

Und das ist das, was ich eben mit zeitlos meine, das  Buch ist völlig zeitlos und es ist auch scheißegal, ob der jetzt vorspringt in der Zeit oder zurück - schon das Wort "Zeitreisen", das ist eh schon, das ist einfach überhaupt keine Kategorie für mich in diesem Roman, deswegen war ich so irritiert über die Rezensionen. Für mich hat das nix mit Zeitreisen zu tun, sondern mit einem Modus. Einem Modus des Erfundenen und des Gedanklichen und der zieht sich durch. Da ist nicht ein Moment realer als der andere, nur weil er in einer Zeit stattfindet, die wir vermeintlich besser kennen, weil sie unserer ähnelt. Nur dadurch wird etwas nicht echter.

(Eine weitere Nachricht Dr. Ds erscheint auf Dr. Bs Display. Dr. D. will aufholen.)

Und auch in den Rezensionen wieder total witzig, gell, wie die sich dann abarbeiten an diesen inhaltlichen Sachen. Die einen finden diese Parallelen zu, was weiß ich, Astrid Lindgren und weiß der Geier was alles. Und gehen dann so in den Inhalt halt rein und sehen das ein bisschen wie eine intellektuelle Schnitzeljagd und die anderen nervt diese Schnitzeljagd. Die sagen dann, das macht Kracht wieder absichtlich, damit er klug rüber kommt und das Feuilleton Futter hat. Und ich denke mir, keiner geht hier irgendwie mal auf diese Struktur oder den Stil ein. Oder halt wenig einfach, mal mit so einem Halbsatz. Mei gut, es ist vielleicht auch einfach nicht die Aufgabe von einer Rezension, muss man vielleicht auch den Anspruch eher klein halten, weil irgendwie die Auslegung macht dann vielleicht doch eher ein Literaturwissenschaftler, oder?

Dr. B.

Hmm, weiß ich nicht, ja, der Literaturwissenschaftler interpretiert. Aber ich finde auch in einer Rezension sollte es auch darum gehen, warum der Roman jetzt gerade in unserer Welt ist und was er zur Gegenwart zu sagen hat. Inwieweit kommentiert er die Welt, oder an welcher Stelle ist er aus der Zeit gefallen, steht quer zur Zeit, was auch immer? Aber ich zähle eher zum Lager, das von der Schnitzeljagd genervt ist. Ich sehe den Punkt, dass man da vielleicht intellektuelles Vergnügen daraus zieht, dass man die Spuren, die Kracht auslegt, brav rekonstruiert. Aber die führen, wie schon so viele Literaturwissenschaftler nachgewiesen haben, ins Nirgendwo. Da kommt einfach keine tieferen Erkenntnis, dass man sagen könnte, ah okay, jetzt, das erweitert irgendwie die Lesart oder das liefert jetzt den Schlüssel zum Werk. Wenn, dann gibt es tausende Schlüssel für tausende Türen, die an verschiedene Orte führen. Man denkt nur, dass sie zu dem geheimen, letzten Ort führen, aber in Wirklichkeit sehen die alle verschieden aus. Man muss in einem letzten Schritt noch erkennen, dass die Orte, obwohl sie verschieden sind, letztlich doch alle gleich sind. Das ergibt keinen Sinn…Ich glaube, dass Krachts Literatur, obwohl es jetzt total quer klingt, eine sehr sinnliche Literatur ist, obwohl sie so abstrakt und innen hohl ist - und das meine ich positiv.

(Eine weitere Nachricht erscheint auf Dr. Ds Display, während sie ihre sechs Kinder in die Schule fährt.)

Und Jan Küveler hat ja geschrieben, dass Kracht jetzt irgendwie endgültig Pop zu Grabe getragen habe. Für mich ist Pop immer was zusammengesetztes. Da gehören die Auftritte dazu, die Barbourjacke, der Schal, die Texte usw. Das kann man nicht so isoliert sehen. Natürlich ist das Gegenteil der Fall. Pop lebt bei Kracht mehr denn je, ohne dass ich jetzt begründen möchte, warum. Aber ja, was natürlich toll ist, ist, dass man in einer solchen Zeit über Literatur diskutieren und streiten kann. Also worüber streitet man heutzutage schon in der Literatur? Ist doch toll, wenn das noch immer geht.

(Dr. D. reicht´s so langsam, sie muss noch einen Braten braten. Nur widerwillig öffnet sie eine erneut aufblinkende Nachricht von Dr. B.)

Dr. B.:

Also wie viele Porzellanpistolen bekommt Air von dir? Ich würde sagen drei ist das Höchste, wir können mit halben Pistolen arbeiten. Also für mich sind's drei von drei möglichen. 

Es folgt eine längere Diskussion darüber, ob die Pistole im Roman nicht eher aus Plastik sei, man druckt doch mit Filament, Porzellan würde auch zerbrechen. Recherchen ergeben, man kann Porzellan drucken. Jetzt müsste mal IRGENDJEMAND nachlesen, was es im Roman war

Dr. D.:

Ach egal jetzt, dann ist es halt eine Porzellanpistole. Drei kann ich nicht vergeben, weil es Bücher gibt, die ich besser finde. Ich vergebe 2,5 Pistolen - piff paff - hehe. 

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Weisser Lärm