
Weisser Lärm
Bericht eines jungen Mannes (ca. 27 Jahre alt)
Als die warme Sonne über Oberhausen, der Innenstadt und vielleicht auch über anderen Stadtteilen aufging, wartete ich schon seit Stunden in fröhlicher Aufregung vor dem Hotel Maximilian's, in dem der berühmte Schriftsteller Eckhart Nickel angeblich logieren sollte. Bis vor kurzem hatte ich von dem Autor noch nie etwas gehört. Bis ich mich aufgrund eines seltsamen Ereignisses an der Wertach für Popliteratur zu interessieren begann. Dabei lernte ich auch, dass Augsburg die Hauptstadt der Popliteratur der Gegenwart ist.
Bei einem Spaziergang entlang der Wertach war ich also auf das Literaturhaus gestoßen - ich wusste nicht, dass es in Augsburg ein solches gibt -, ein nicht klar umrissenes Grundstück direkt am Fluss mit großen abstrakten Holzskulpturen im Garten. Ich meinte Schwäne zu erkennen. Am Tor war ein Schild aus Messing angebracht, auf dem ein lateinischer Satz zu lesen war, und irgendetwas mit Menschenmassen und Streit und Liebe. Dafür hatte ich mich in dem Moment nicht so interessiert. Ich war abgelenkt von den Geräuschen, die aus dem Garten des Hauses drangen. Es hörte sich an wie eine Mischung aus Pferdewiehern und Eselsbrällen. Sofort war ich neugierig und schlich mich durch das schmiedeeiserne Eingangstor hindurch. Die fremdartigen Tiergeräusche kamen immer näher. Das Haus war nicht ganz zu sehen und halb ins Wasser gebaut, ich weiß nicht so richtig, wie ich das beschreiben soll. Am Ende der Auffahrtsallee, die von Tilia Tomentosa eingesäumt war, sah ich einen Mann mit Hut, der gerade eine Art Zebra fütterte. Es stank ganz fürchterlich nach Tierkot. “Oh, hallo junger Mann, kommen Sie gern näher! Möchten Sie vielleicht unserem Morris hier ein paar Feigen füttern?” Ich lehnte sein großzügiges Angebot höflich ab, denn das seltsame Tier sah mir jetzt beängstigend tief in die Augen. Ich versuchte, eine Seele oder etwas anderes in den schwarzen Pupillen zu erkennen, aber ich sah rein gar nichts. Tiefe, schwarze Leere. Gerade setzte ich dazu an, mich dafür zu entschuldigen, dass ich das Grundstück ohne Erlaubnis betreten hatte, da unterbrach mich der Mann und lud mich in der nächsten Woche zu einer Lesung mit dem Popliteraten Eckhart Nickel in den City Club ein. Ich bedankte mich freundlich und stahl mich seltsam peinlich berührt wieder davon. Innerhalb von nur einer Woche hatte ich alles gelesen, was jemals über Popliteratur in der Vergangenheit und in der Gegenwart und den Deutschen Popliteraturpreis geschrieben worden war. Ich war sofort über alle Maßen begeistert. Dass diese Art des Schreibens, die voller Liebe und Leidenschaft war und sich nicht vereinnahmen ließ, jahrelang an mir vorbeigegangen war, war kaum zu fassen. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass ich einiges nachzuholen hatte.
Und jetzt stand ich also hier, vor dem Hotel, mit anderen abertausenden Fans. Bei jeder Limousine mit abgedunkelten Scheiben, die vor dem Hotel vorfuhr, kramte ich mein Exemplar des Romans aus meinem m0851sac de voyage heraus, um es mir signieren zu lassen. Das Stereolabor, das sich die beiden Hauptfiguren aus PUNK, Ezra und Lambert, in ihrer WG eingerichtet haben, quasi als Schutzraum vor der stumpfen Außenwelt, hatte mich dazu inspiriert, mir selbst ein “Kunstversteck” in unserem Wohnhaus in einem Zwischenstockwerk einzurichten. Dort hängen zwei Wanddekorationsobjekte von Rafael Horzon und auch das Gemälde “Der Liebesbrief” von Carl Spitzweg, das ich mir als Pennäler, sagen wir, ausgeliehen hatte. In diesem Moment fuhr ein herrschaftlich wirkendes, orangefarbenes Auto vor, es musste sich wohl um einen Citroën 2CV handeln, und ein Fahrer mit Chauffeursmütze eilte um den extralangen Wagen herum. Bevor er seinem Gast die Tür öffnete, hielt er kurz inne, zupfte sich die Uniform zurecht und setzte ein freundliches Lächeln auf. “Bienvenue à Augsburg, Monsieur Nickel!” In ausgelassener Stimmung entgegnete ihm dieser: “Merci beaucoup, Jakob. Tu es un vrai ange!” Nachdem Eckhart Nickel seinen Rimowa Carry-on-Trolley in der Lufthansa-Edition umständlich aus dem Kofferraum gezerrt hatte, drückte der Fahrer auf die Fernbedienung, und die Heckklappe schloss sich automatisch. Die beiden Männer verabschiedeten sich mit einer herzlichen Umarmung; im Hintergrund fingen Fans an, frenetisch zu jubeln. Ich drängelte mich bis ganz nach vorne ans Absperrgitter, um das ersehnte Autogramm zu bekommen. Geduldig signierte der Autor, der immer freundlich und gut gelaunt zu sein schien, zahllose Autogrammkarten, Bücher und die Polaroidfotos, die Fans zusammen mit ihm machten. Selfies waren undenkbar, darüber war man sich unter den Nickel-Fans einig, denn das passte nicht in den fiktionalen Kosmos dieser Szene. “Na, Kleiner, wie alt bist Du denn?”, frug der Schriftsteller schließlich, während er mir in die Wange kniff. Vor Aufregung errötete ich und log, dass ich schon seit den Neunzigern Fan wäre. Dr. Nickel lächelte mild und signierte mein Exemplar mit den Worten “Non omnis moriar. Eckhart Nickel.” Beglückt blickte ich auf die wenigen Worte und lief langsam nach Hause.
Nur wenige Stunden später fand ich mich in einer zwei Kilometer langen Schlange vor dem City Club. Davor stand der Autor und rauchte mit zwei Männern. Der Riese mit dem freundlichen Lächeln und den bübischen Locken musste der geniale Cheflektor des Piper-Verlages, Olaf Petersenn, sein. Der andere glich dem Mann, mit dem ich ein paar Wochen zuvor im Garten des Literaturhauses gesprochen hatte. Er sah irgendwie aus wie eine provinzielle Kopie des erfolgreichen Berliner Unternehmers Rafael Horzon. Ich konnte sehen, dass er nur rauchte, um in seinem fortgeschrittenen Alter noch ein wenig cool zu wirken.
Als ich also nach Stunden des Wartens in der Kälte endlich meine Eintrittskarte erstanden hatte, stieg ich müde die Treppen zum City Club hinauf und sah dort etwas ganz und gar Unerhörtes. Der Möchtegern-Rafael-Horzon hatte sich heimlich auf die Bühne geschlichen und angefangen, einem völlig konsterniert dreinblickenden und von Minute zu Minute zusehends ungehaltener murrenden Publikum aus seinem Roman vorzulesen. Mit nachsichtigem Lächeln wartete Eckhart Nickel auf seinen Auftritt, während zwei muskelbepackte Türsteherinnen den nun kreischenden Kulturschaffenden von der Bühne zerrten. Ich lachte innerlich, nahm einen Schluck von meiner Biozisch Blutorangenlimonade und dachte, dass sich die 213 Euro Eintritt gelohnt haben. Die Türsteherinnen schrien nun abwechselnd den sich wehrenden Mann an, aber kein Ton war zu hören. Nur weißes Rauschen, Schneegestöber wie im Fernsehen. Ich starrte auf die Außenseiten meiner Hände und wollte einen Fluch ausstoßen. Seltsam langsam bewegte sich mein Mund, wie bei einer Comicfigur, und anstatt des intendierten Fäkalausdrucks glaubte ich, die AIR aus Bachs Ouvertüre Nummer 3 in der Luft zu hören. Es ist ein wunderlicher Vorgang, wie die Phantasie gleich einem Fieber von unserem Leben Besitz ergreift und immer tiefer und glühender sich in ihm einnistet, wenn Ihr versteht, was ich meine. Endlich erscheint nur die Einbildung uns noch als das Wirkliche, und das Alltägliche als ein Traum, in dem wir uns mit Unlust bewegen, wie ein Schauspieler, den seine Rolle verwirrt. Alles flackerte, als plötzlich der Film wieder einsetzte, und Eckhart Nickel zu sehen war, wie er unter zahllosen Verbeugungen vor einem kreischenden Publikum eine Schiefertafel mit den zehn Gesetzen des Punk an die Wand nagelte. Ich freute mich, er las mein Lieblingskapitel vor, in dem sich die Protagonistin den beiden überfeinerten Dandys, Lambert und Ezra, vorstellt. Sie möchte in die WG einziehen und muss dafür die beiden Brüder mit ihrem monumentalen Popwissen beeindrucken. Während ich dem talentierten Autor und Entertainer lauschte, dachte ich, dass diese Lesung schon ein wahnsinnig schönes Erlebnis ist. Irgendwie intim, obwohl hier so viele Menschen waren, aber alle gehörten zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, zu einem Club der Liebe, wenn Ihr versteht, was ich meine. Wir sind ja nur ganz kurz hier, und es ist alles plötzlich so wahnsinnig schön, und dann können wir irgendwann unserer Familie oder unseren Freunden davon erzählen, dass wir am 5. Dezember im Jahr 2024 in Augsburg im City Club zusammengekommen sind und Eckhart Nickel aus seinem Buch vorgelesen hat. Ich schweife ab, und ich weiß überhaupt nicht, ob ich das richtig erklären kann. Egal, es ging weiter, und jetzt saßen ein Punkmusik-Experte, der in zwei Bands spielte, und der Augsburger Pseudo-Horzon zusammen mit dem Autor auf der Bühne. Sie unterhielten sich über den Roman, über Punk, und ich verstand fast nichts. Trotzdem fühlte es sich gut an. Es war kurios, denn nach meinem kurzen Hörsturz - ich weiß nicht, wie ich das, was gerade passiert war, sonst nennen soll - hatte der Autor plötzlich eine andere Frisur. Gestern in Augsburg habe ich jedenfalls meine Seele ausgebreitet, damit der Autor darauf tanzen kann, und er tat`s, elegant und virtuos. Ich saß in einem tiefen Loch, dachte an die Zisterne von Jeremias, umgeben von unerreichbaren Dichtergrößen. Da war mir auch Eckhart Nickels Verweis auf Clavigo kein Trost, denn ich wusste zu viel von Clavigo. Dieses Stück wurde bereits 1774 in Augsburg im Beisein von Beaumarchais aufgeführt. Erst als der Autor auf den Punk zu sprechen kam, als er Punk erklärte, als er der Punker war, sind in meiner Seele die vier Paukenschläge am Anfang von Beethovens Violinkonzert erklungen, haben zu mir gesprochen. Das ist Punk! Beethovens Violinkonzert, beginnend mit den vier Paukenschlägen, das ist Punk! Aus der Lesung kam ich als ein anderer heraus.
Alles war wie im Rausch vergangen, und ich finde mich zusammen mit dem Autor, seinem klugen Lektor, dem Musikgenie und dem Augsburger Kulturtyp rauchend vor dem City Club. Nach einer Weile verabschiedet sich Eckhart Nickel und winkt zum Abschied; als er bereits die Konrad-Adenauer-Allee ein gutes Stück hinauf gelaufen war, winkt er immer noch, ohne sich umzuschauen, und zieht seinen Rimowa hinter sich her.
Zwei Wochen danach, oder so, sehe ich den Kulturmenschen wieder, wie er mit einer Zigarette in der Hand vor dem City Club steht und über seine grüne Wachsjacke ascht. Ich rümpfe die Nase über die Barbourjacke, und denke an diese längst aus der Mode geratene alte Popscheisse, die nur noch von Midlifecrisis-Männern zelebriert wird. Die jüngeren Fans, zu denen ich mich zähle, würden niemals eine solche Jacke tragen, nicht mal halbironisch. Nicht ironisch sein zu wollen, ist aus heutiger Sicht sowieso nur noch doofe Attitüde. Eigentlich will ich gar nicht hingehen und erst recht nicht mit ihm sprechen, aber dann gehe ich aus irgendeinem Grund doch hin und höre mich fragen, was denn eigentlich an dem Abend los gewesen sei. Er zuckt mit den Schultern und zieht eine Hotelrechnung aus seiner Jacke und beginnt damit rumzufuchteln. Neben den 39 Euro für das sensationelle Frühstück im Hotel Maximilian’s findet sich eine sonderbare Position über eintausenzweihunderfünfundreißig Euro auf der Rechnung. Offenbar hatte der Autor eine englische Badewanne ins Hotelzimmer bestellt, die eine Woche nach seiner Abreise angeliefert worden war. Das Hotel hatte daraufhin versucht Eckhart Nickel zu kontaktieren, um den Umstand aufzuklären, aber die Telefonnummer war nicht vergeben, und E-Mails konnten nicht zugestellt werden. Die Badewanne musste abgeholt werden und ist heute im Literaturhaus ausgestellt. Am Wannenrand ist ein Name eingeritzt: "Bergheim".