EPISODE ll
Punk als inneres Erlebnis

Emil streunt 

Die ganze Geschichte, von der ich nicht weiß, wo sie beginnt und wo sie endet und ob es überhaupt eine Geschichte ist - diese Begebenheit also hat damit zu tun, dass ich mit dem Kopf gegen die Scheibe gelehnt in einem Zug nach Heidelberg sitze.

Durchsagen, Ansagen, kreischende Bremsen, eine Tür-Hydraulik zischt und faucht, kalte Herbstluft. Das nächste, an das ich mich erinnern kann, ist der McRib im Mannheimer Hauptbahnhof, den ich als kulturelle Bereicherung empfinde, also den McRib. Die Soße saftet zu allen Seiten raus, rinnt über die Hände und tropft schließlich am Handballen auf das knitternde Burger-Papier ab. Am Nebentisch redet eine Gruppe Enddreißiger in Lederhosen und Dirndl darüber, ob das Kokain in Hamburg oder in München besser sei. Eine Frau mit wunderbar voluminösen Lippen, die fast natürlich aussehen, meint, dass man sich vor dem minderwertigen „Wiesn-Koks“ hüten solle. Ich ziehe Cola durch den Strohhalm und denke an eine Passage aus einem Buch, das ich mal gelesen habe, aber mir fällt der Titel nicht ein und als ich einige Minuten später am Gleis auf die S-Bahn nach Heidelberg warte und „Part Time Punks“ aus den Kopfhörern dringt, denke ich immer noch an die Textstelle. Mit meinen Soßenfingern öffne ich die Foto-App, gebe in der Suchfunktion „Kokain“ ein, der Algorithmus schlägt an und zeigt eine Passage aus den „Annäherungen” von Ernst Jünger an.

Vor wenigen Minuten - die letzten Mitreisenden des 1. Klasse-Abteils sind gerade am Frankfurter Hauptbahnhof ausgestiegen – habe ich Eckhart Nickels „Punk“ zu Ende gelesen. Auf der allerletzten Seite des Buches bin ich auf eine Art Audio-Synopse gestoßen, in der Nickel jedem Kapitel einen bestimmten Song zugeordnet hat. Der Soundtrack des Romans als „Hidden Track“ auf der B-Seite des Buches. Begeisterung blühte in mir auf. Ich koppelte das Smartphone mit meinen Kopfhörern und rief auf YouTube die entsprechende Playlist auf, die erst kürzlich von dem User „Dr. N.” erstellt worden war.

Also jedenfalls liege ich jetzt - wenige Minuten später - mit müden Augen in diesem leeren Abteil, die Playlist von „Punk” im Ohr und das Buch auf dem Tisch vor mir. Während die Frankfurter Skyline kleiner und kleiner wird, überlege ich, warum ich eigentlich in diesem Zug nach Heidelberg sitze, aber bevor ich zu einer Antwort komme, döse ich zu den Klängen der „In Go Betweens“ kurz weg.

„Es wurde kälter. Nicht nur die Nüstern wurden gefühllos, der Gaumen auch. Zuweilen biss ich auf die Lippen wie ein Pferd, das an der Kandare kaut. Ich ging zum Spiegel; die Pupillen waren groß wie Nachtfalteraugen; dunkel und weit geöffnet vom Alkaloid. Das Gesicht war starr, gefroren wie auf einer Kurierfahrt jenseits des Polarkreises.“

Und wie ich diese durch ihre luzide Klarheit bestechende Selbstbeobachtungen lese,  fällt mir wieder der Grund meiner Reise ein: Ich bin auf der Suche nach Erstausgaben von Jüngers Frühwerk und kam offenbar auf die Idee, dass ich dazu nach Heidelberg müsse.

Die Stadt ist überfüllt von Amerikanern und Asiaten, die auf dem Weg vom Frankfurter Flughafen zum Oktoberfest einen kurzen Stopp in Old Heidelberg machen. Am Bahnhof überquere ich die Montpellier-Brücke in Richtung der Altstadt.

Mein erstes Ziel ist das „Goethe & Kompanie”, ein kleines Antiquariat, das seit Jahrzehnten in einer windgeschützten Seitengasse vor sich hin existiert und die Zeiten und Moden am nahen Marktplatz vorüberrauschen lässt. In der Auslage entdecke ich eine frühe Ausgabe von „Sturm”, eine Novelle Jüngers über einen jungen dandyhaften Soldaten in den Schützengräben des 1. Weltkriegs. Als ich eintreten will, kommt die Enttäuschung so abrupt über mich herein wie Senfgas über die Felder Yperns. Ein Zettel hinter der Scheibe verkündet, dass der Laden wegen Urlaubs für die nächsten Wochen geschlossen sei. Ich rüttle nochmal an der Tür, aber drinnen rührt sich nichts und so ziehe ich unverrichteter Dinge weiter.

Das „Canicio” ist ein gut sortiertes Antiquariat hinter der Universitäts-Bibliothek, in dem man zwar nie das findet, was man sucht, aber dafür immer Vieles andere. Der Inhaber ist ein betont zurückhaltender Geistesmensch, der den Eindruck vermittelt, er wäre eigentlich lieber allein und ungestört. Als ich ihn frage, ob er was von Jünger da habe, entgegnet er „mmmh“ und überlegt sehr lange. Er geht erst ans Regal, verschwindet dann im Lager, kommt wieder und meint schließlich wirsch, dass vor ein paar Tagen ein Japaner da gewesen sei, der sämtliche Jünger-Ausgaben aufgekauft habe. Er habe aber “Im Westen nichts Neues” da. Ich nicke,  ziehe mir  die OverEars auf und verlasse schnell den Laden. 

Ziellos streune ich durch die Seitengassen -  Dr. N. serviert mir „Money” von den „Flying Lizards” - bis ich in einem Cafe unten am Neckarufer Halt mache.

Die Studentinnen hinter dem Scandi-Chic-Tresen haben hingekritzelte Tattoos auf ihren Armen und schlechte Frisuren. Ich bestelle mir einen Espresso, worauf mir die Frau hinter der Siebträgermaschine ungefragt erklärt, dass die Bohnen nach 24 Stunden aerobar und 50 Stunden anaerober Fermentation mit Mandarinenschalen getrocknet wurden. Ich lächle verschmitzt und als ich den ersten Schluck nehme und sich ein penetranter Geschmack von Mandarinen und Honigmelonen auf meiner Zunge breit macht, verziehe ich die Fresse. Die Bedienung schaut mich verächtlich an. Rasch verlasse ich den Laden und als ich die Uferstraße entlang gehe, werfe ich den scheiß Becher mit dem scheiß Espresso und seinem scheiß Mandarinenschalengeschmack in den Neckar.

Das „Hatry“ auf der Hauptstraße ist der Platzhirsch unter den Heidelberger Antiquariaten. Als ich eintrete, mustert mich eine kühlblickende Brunette mit harten Gesichtszügen und einem kleinen Mund über einem festen Kinn. Sie riecht nach „L’eau Papier”, dem neuen Duft von Diptique. Ich gehe in eine der U-förmig angeordneten Regal-Nischen. Unter „J“, finde ich nur Jelinek, Johnson, Jung und daneben steht schon wieder Kafka. Ich frage die Frau nach Sammler-Ausgaben von Ernst Jünger, worauf sie tief schnauft. Nach kurzem Überlegen zeigt sie auf die brusthoch gestapelten Kisten an der Wand hinter ihr. „Die kamen neu rein, da muss irgendwo eine Erstausgabe von „Der Krieg als inneres Erlebnis“ dabei sein. Ich gucke sie erwartungsvoll an, sie schaut seltsam zurück, und für ein paar Sekunden blicken wir uns stumm in die Augen, bis mir klar wird, dass sie den Kistenberg nicht extra für mich  durchsuchen wird.

Als ich schließlich zu ihr meine, dass ich auch selbst nach dem Band suchen könne und sie darauf nur mit dem Kopf schüttelt, weht einen Augenblick später das holzige Leitmotiv von „L’eau Papier” zu mir herüber, das die Beständigkeit als auch den Grundstoff für Papier symbolisiert. Ich schließe die Augen und verlasse den Laden. 

Als ich wieder auf der Straße stehe, beginnt der Tag bereits, in einem taubengrau zu verenden. Ich setze die Kopfhörer auf und streune ziellos im Nieselregen um die Blöcke, ohne Ziel, ohne Schirm, ohne Jünger.

In der Unteren Straße komme ich am Cafe Knösel vorbei, und mir fällt ein, dass Eckhart Nickel als Student dort mal gearbeitet hat, aber vielleicht verwechsle ich das auch. Jedenfalls wird der Nieselregen jetzt immer stärker. Gebückt gehe ich weiter  über den Marktplatz. Links von mir sehe ich die Max-Bar. Etwas sträubt sich in mir, den Laden zu betreten, aber der Regen nimmt weiter zu  und außerdem muss ich mittlerweile wirklich sehr heftig pissen. 

In der Max-Bar laviere ich mich an den herumstehenden Leuten vorbei in Richtung der Toiletten. Vor dem Urinal stehend denke ich nach. Über Punk, über Ernst Jünger, über Kokain und darüber, warum ich nicht wie alle anderen auch einfach auf die „Wiesn“ gefahren bin und Andreas Gabalier mitsinge. Ich starre gegen die Wand vor mir und allmählich gerate ich in einen tranceartigen Zustand. Die raue Textur der Klo-Wand beginnt sich zu einer von Artillerie und Granaten zerklüfteten Ackerlandschaft aus der Vogelperspektive zu formen. Aus der Ferne dringt Rattern von Maschinengewehrsalven und das Fiepen von runtergehenden Mörsergranaten heran, französische Gesänge, deutsche Marschbefehle. Als ich wieder zu mir finde und an mir hinabblicke, merke ich, dass ich mir auf meinen Sandringham uriniert habe. 

Es fühlt sich warm und vertraut an, fast wie Heimat.

Ich packe alles ein, verlasse die Toilette, und als ich mich am Tresen an den Leuten vorbeiquetschen will Richtung Ausgang, fragt mich der Typ hinter der Bar was in breitem kurpfälzisch. Ich  nicke nur, sage „Danke“ und will weiter, aber im gleichen Moment stellt er ein Glas Spritzwein vor mich auf die Theke. Ich nehme einen Schluck im Stehen, dann noch einen, und nach dem dritten lasse ich mich auf einem freien Hocker nieder.

Laute Musik, stumpfes Gelächter, leere Gesichter. Irgendwann werde ich angerempelt. Ich drehe den Kopf und sehe eine Frau mit einem Buch in der Hand neben mir stehen. Während sie auf ihre Bestellung wartet, kreuzen sich unsere Blicke. Ich nicke ihr zu, und sie presst zur Erwiderung die Lippen zu einem Lächeln zusammen. Ich nippe an meinem Glas, dann beuge ich mich zu ihr und frage sie  mit monotoner Stimme, was sie da lese. Sie mustert mich und zeigt mir das Cover ihres vergilbten Buches. Im schummrigen Licht gehe ich nah mit dem Gesicht heran und erkenne, dass es sich um eine alte Ausgabe vom Wäldchen 125 handelt. Ein dünner Jünger-Band über einen an sich bedeutungslosen Hain irgendwo im Norden Frankreichs, der monatelang von Franzosen und Deutschen umkämpft wird und die Sinnlosigkeit des ganzen Krieges veranschaulicht. Ich starre das Cover an und danach wieder die Frau vor mir mit ihrem Rollkragenpulli und diesem weichen Gesicht, in dem zwei blaue Augen flach eingelassen sind. Sie schaut mich erwartungsvoll an, irgendetwas muss ich erwidern, aber ich nicke nur und als ihr einen Moment später der Wirt den Grauburgunder hinstellt, meine ich zu ihr, dass der Wein Europa stärker verändert habe als das Schwert. Das ist natürlich ein dummer Satz, weil man darauf nichts antworten kann, aber es ist ein Zitat von Ernst Jünger. Die Frau zieht die Augenbrauen hoch. Plötzlich wird sie mit einem Schlag offener, sie lacht über mein Zitat und fährt sich dabei durch ihr Haar. „Ich bin Karen”, sagt sie und setzt sich neben mich auf den Hocker. Ich greife nach ihrer sehnigen Hand, und sie fängt an zu erzählen, dass sie aus Hamburg komme und hier Medizin studiere, aber viel lieber schreiben würde und Heidelberg schön sei, aber auch Provinz und dass die zeitgenössische Literatur ja nur noch profanes Privat-Gejammer sei und sie deswegen angefangen habe, Jünger zu lesen und so weiter. 

Ich schaue abwechselnd in ihre großen Augen und auf das Buch auf dem Tresen. Als sie nach kurzer Zeit ihren Wein mit einem tiefen Schluck leert und noch einen bestellt, steht sie auf und lächelt mich an. „Bin gleich wieder da - kann ich dir meinen Jünger kurz anvertrauen?”, meint sie und legt ihre Hand auf meinen Oberschenkel. „Wir können danach ja bei mir noch was trinken.”, fügt sie hinzu, wobei sie ganz nah an mein Gesicht kommt. Dann verschwindet sie in Richtung der Toiletten. Ich nehme das Buch, blättere etwas herum, dann führe ich es an mein Gesicht und nehme mit meiner Nase eine tiefe Brise. Im gleichen Moment schießt mir das Zitat von Vivienne Westwood durch den Kopf, das Nickel an den Anfang von Punk gestellt hat. 

„The youth need discipline and a full bookcase.“


Was dann genau geschah, ist nicht ganz klar. Ich erinnere mich nur, dass ich noch einen sehnsüchtigen Blick in Richtung der Toiletten warf, ehe ich mit dem Wäldchen 125 unter dem Arm aus der Max-Bar hinaus in den Regen lief und noch in der gleichen Nacht die Stadt in unbekannte Richtung verließ.

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Episode III. - Bicycle-Day im Lastenradland

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Episode I. - Sternstunden des Müßiggangs