EPISODE lll

Bicycle-Day im Lastenradland

Mit Aldous Huxley und Hermann Hesse durch Tübingen

Sprache ist wie ein Regenschauer und Worte sind nichts als Tropfen an einem Fenster. Schlieren ziehend rinnen sie die Scheibe hinab, die Welt dahinter verschwimmt und die Perspektiven geraten aus den Fugen.

Noch 45 Minuten. Irgendwo faucht eine Siebträgermaschine. Aus der Espressotasse vor mir steigt Dampf, eine abgebissene Butterbrezel, daneben eine aufgeschlagene Ausgabe von Aldous Huxleys „Doors of Perception“ mit Laugenkrümeln darin.

„We can pool information about experiences, but never the experiences themselves“. 

Draußen regnet es vielleicht. Die Marktschenke am Tübinger Marktplatz ist fast leer an diesem Morgen im Spätherbst. Die Studenten langweilen sich um diese Zeit in der Neuen Aula, die Doktoranden sitzen unter kalten Neonröhren in ihren Schreibstuben und die Assistenzärztinnen, die hier am Wochenende kontaktfreudig ihre Lillet Wildberrys durch Glasstrohhalme ziehen, eilen überfordert über die Flure der Uniklinik oben auf dem Berg. Andere Menschen gibt es in dieser Stadt nicht.

„Tübingen hat keine Universität. Tübingen ist eine Universität”

schrieb einst Walter Jens, die intellektuelle Feldhaubitze der 68er-Bewegung.

Seit meinem überstürzten Aufbruch aus Heidelberg habe ich Quartier in der Tübinger Altstadt bezogen. Auf meiner Flucht Richtung Süden fiel mir ein, dass seit Jahren noch immer die 350 Euro für mein altes Tübinger WG-Zimmer von meinem Konto abgebucht werden, und dass ich bisher irgendwie nicht dazu kam, den Mietvertrag zu kündigen. Als ich vor ein paar Tagen also die Wohnungstür aufschloss, blickte ich in der WG-Küche in fremde Gesichter, die mich verdutzt ansahen. Später am Abend - ich wollte nochmal ins Chez Michel nebenan - kam gerade so ein Typ mit Kapten&Son-Rucksack und Manbun auf dem Kopf zur Haustür rein, der wohl auch hier wohnte. Er wollte mich in ein Gespräch verwickeln, was ich so mache und wo ich auf einmal herkäme, aber ich zuckte meistens nur mit den Schultern, und dann redete er plötzlich von Klima und Gaza und so, und als er meinte, dass sie in der WG alle immer dachten, hinter der Tür zu meinem Zimmer verberge sich eine Abstellkammer vom Vermieter, meinte ich nur „hm“ und verließ die Wohnung.

Zurück in der Marktschenke. Die Bedienung macht am Nebentisch Fotos vom instagramtauglich arrangierten Trockenblumenstrauß. Ich trinke den letzten Schluck kalten Espresso und krame mich in die Ärmelöffnungen meines Sandringhams. Am Revers wische ich mit dem Finger einen Klecks Butter weg. Als ich die Marktschenke verlasse, überlege ich, wie die Butter auf den Mantel gelangen konnte. 

Noch 35 Minuten. Mit meinem Gehstock schlendere ich über den Holzmarkt. Der Inhaber des Antiquariats Heckenhauer schleppt gerade die Kästen mit der literarischen Wühlware nach draußen. Als er mich sieht, nickt er mir zu, und ich hebe zur Erwiderung meinen Gehstock und ziele mit dessen unterem Ende auf ihn.

Mit Heckenhauer bin ich erwachsen geworden, sozusagen. Als ich zu Beginn der 10er Jahre hierher zog, wurde das Antiquariat mit der karmesinroten Fassade zu meinem ersten Anlaufpunkt. Ich hatte gelesen, dass Hermann Hesse dort seine Ausbildung zum Buchhändler gemacht hatte, was damals eine ungemeine Wirkung auf mich ausübte. Ganze Vormittage verbrachte ich in dem von Büchern vollgestopften Geschäft, eingezwängt in dem alten Ledersessel, auf dessen Lehnen sich Bildbände und Anthologien stapelten. Dort saß ich, die Schuldrechts-Vorlesungen bei Professor Finkenauer schwänzend, und las mal da mal dort rein, von Autor zu Autor schwänzelnd wie ein Hund, der an jeder Ecke und Laterne innehält und schnuppert. Anfangs schaute mich der Inhaber noch verärgert an, weil ich nie was kaufte, aber irgendwann hatte er meine Existenz akzeptiert, so wie man einen Wasserfleck an der Decke oder Hämorrhoiden akzeptiert. 

Einmal legte ich ihm ein paar Münzen hin für eine zerzauste Ausgabe von Hesses „Demian“ auf die Ladentheke. Das muss im Frühling 2016 gewesen sein, das weiß ich noch genau. Kurz davor hatte ich nämlich ein Mädchen aus Niedersachsen kennengelernt, das sich auf ähnlich merkwürdige Art wie ich nach Tübingen verirrt hatte. An einem Abend im Mai lagen wir auf der Österberg-Wiese, und ich las ihr aus der Demian-Ausgabe von Heckenhauer vor. Als über unseren Köpfen die tintige Schwärze des Nachthimmels in das Abendrot zu sickern begann, gingen wir die paar Meter zu ihr in die Payerstraße, und als ich am nächsten Morgen den Österberg hinunter in die Stadt stolperte, hatte ich mein Herz und die „Demian“-Ausgabe in ihrem Zimmer zurückgelassen. Beides habe ich seitdem nicht wieder gesehen, denke ich jetzt hier auf dem Holzmarkt stehend, während ich mit den Fingern im Wühlkasten zwischen Coelho und Kehlmann herumkrabbele.

Noch 25 Minuten. Als ich in die Collegiumsgasse einbiege, werde ich fast von einer Frau auf einem Lastenrad überfahren. Sie beschimpft mich auf schwäbisch, ehe der kleine Elektroantrieb wieder zu surren beginnt und sie in die Pedale tritt. Ein paar Meter weiter betrete ich das „Hanseatica“. Das Stehcafe aus den 50er-Jahren, in dem die Stehtische mit bernsteinfarbener Musterung aus Bakelit noch im Original erhalten sind, ist der Treffpunkt von Tübingens „Oberen Zehntausend“.

Ich bestelle ein Croissant und blicke von der Theke aus vorne an der Glasfront nach draußen.

An einem der Tische sitzt der Autor Peter Prange und schwätzt mit der Frau von Boris Palmer, die hier jeden Tag etwa zwischen 11 und 12.30 Uhr in ihrem Kennedy-Mantel mit dem Rad vorfährt. Nur wenige Meter weiter sitzt der ehemalige Postbote Gerd Postel, der sich jahrelang als klinischer Psychiater ausgab und dadurch Berühmtheit erlangte. Auf der anderen Seite rechts von Prange sitzt der in Tübingen weltberühmte Professor Bernhard Pörksen, die Hand an die Stirn gelegt und in die neueste Ausgabe des SPIEGEL vertieft. Spitzlippig nippt er an seinem Cappuccino. Ich zücke wieder den Huxley.

„Aus dem Trott der gewöhnlichen Wahrnehmung herausgerüttelt zu werden, für ein paar zeitlose Stunden die äußere und innere Welt gezeigt zu bekommen, nicht so, wie sie einem Tier erscheint, das vom Überleben besessen ist, oder einem Menschen, der von Worten und Begriffen besessen ist, sondern so, wie sie direkt und bedingungslos vom Geist im Ganzen erfasst wird - das ist eine Erfahrung von unschätzbarem Wert.“,

lese ich, während ich in das Croissant beiße; die Aprikosenfüllung verteilt sich in meinem Mundraum, kalt und süß.

Huxley erkannte als einer der ersten Künstler das enorme Potenzial von Halluzinogenen, um spirituelle Erfahrung von unschätzbarem Wert zu erlangen. Nach der Entdeckung von LSD durch Albert Hofmann während einer Fahrradtour durch Basel im April 1943, war es der damalige Harvard-Professor Timothy Leary, der als einer der ersten den Stoff in die USA brachte. Im Mai 1953 nahm Aldous Huxley zum ersten Mal LSD, kurz darauf begann er mit dem Skript von „The Doors of Perception“, das im Folgejahr erschien. Der Begriff „psychedelisch“ - „die Seele offenbarend“ - geht auf dieses Buch zurück.

Peter Prange kommt rein und geht hinter mir vorbei zur Theke. Einen Augenblick später steigt ein Moschus-Motiv in meine Nase. Ich schlussfolgere, dass es sich dabei um „Altair“ von „Parfums de Marley“ in der Phase zwischen Herz-/ und Basisnote handeln muss. Die Bourbon-Vanille als Leitmotiv ist nämlich schon spürbar in den Hintergrund gerückt, stattdessen dominiert die Moschus-Note.

Ich stecke den Huxley ein, mustere Prange nochmal, der aussieht und riecht wie ein Mann, der mit sich im Reinen ist, und gehe weiter.

Noch Zehn Minuten. In der Wilhelmstraße klingelt mich eine Mutter auf ihrem Rad zusammen, weil ich mit dem rechten Fuß auf dem Radweg laufe. Ich steige in den Bus. Vor der Scheibe ziehen Neue Aula, Historischer Lesesaal und Brechtbau an mir vorüber. Einen Großteil der 10er Jahre lungerte ich in diesem Bermuda-Dreieck herum, tat so, als verstünde ich das, wovon die Professoren sprachen und faselte in den endlosen Mittagspausen mit Kommilitonen über Großkanzleien in Stuttgart und Segeln auf dem Bodensee. 

In Lustnau biegt der Bus links ab Richtung Bebenhausen. Die Bebauung wird spärlicher, freie Felder, dahinter Waldsäume. Ich denke an den Sommer 20, als dort nachts im Wald auf einer kleinen Lichtung geheime Raves stattfanden. Es war ein Sommer, in dem viele Freundschaften wie im Zeitraffer zerbrachen, doch im selben Maße, wie man sich von den Leuten in der Stadt entfremdete, wurden einem die Menschen im Wald vertraut. Während Politiker, Experten und die Tagesschau verlautbarten, wie gefährlich menschliche Kontakte seien, organisierten ein paar Leute ein Mischpult, zwei Boxen und einen Stromgenerator. Wir standen um ein kleines Lagerfeuer oder tanzten auf der Wiese, dicht an dicht, es gab Bier und Wein und andere Sachen, und das gefährlichste an allem waren die Zecken im Gras. 

Noch fünf Minuten. In Bebenhausen steige ich aus und gehe die Stufen zum ehemaligen Zisterzienser-Kloster hinauf. Ich schlendere durch den mit Efeu umrankten Hof und setze mich auf die Steinmauer an der West-Bastei.

Blass steht die Sonne an diesem Novembertag am Himmel. Ich denke an Huxley, wie er am gleichen Tag 61 Jahre zuvor in seinem Bett lag, vom Kehlkopfkrebs gezeichnet. An jenem 22. November bittet er um die Mittagszeit seine Ehefrau Laura, ihm 100 Mikrogramm LSD intramuskulär zu verabreichen. Sie setzt ihm die Spritze und wird wohl in diesem Moment zur Pionierin des Einsatzes von psychedelischen Substanzen in der Sterbebegleitung. Den ganzen Nachmittag liest Laura Huxley ihrem Mann aus dem tibetanischen Totenbuch vor. Um 17 Uhr hört Aldous Huxley auf zu atmen. Die zwei anwesenden Ärzte werden später bekunden, dass sie niemals zuvor eine Person so absolut frei von Schmerzen und Kampf haben gehen sehen. 

Noch zwei Minuten. Über den Hof und am Friedhof vorbei habe ich das Kloster hinter mir gelassen. 

„Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst“, heißt es zu Beginn des „Demian“, und ich wundere mich, warum mir das jetzt nach all den Jahren wieder einfällt. Ich drehe mich noch einmal um. In der Ferne, hinter dem Kirchturm des Klosters zeichnet sich am Horizont der Österberg ab, und auf einmal beginnt der Berg, die Blätterteig-Textur eines riesigen Croissants anzunehmen. Kalt und süß ist die Erinnerung.

Noch eine Minute. Der Weg vor mir zielt geradewegs in den Wald. Das taubesetzte Netz einer Spinne, das Sekret einer Schnecke an einer Baumrinde. Tanzende Sonnengitter, da und dort und überall.

Ach, was es noch zu erwähnen gilt: vor rund einer Dreiviertelstunde  - unmittelbar bevor in der Marktschenke die Siebträgermaschine fauchte - holte ich aus meiner Manteltasche ein kleines Pillendöschen hervor. Ich entnahm daraus einige der türkisfarbenen, stecknadelkopfgroßen Tabletten, die jeweils 10 Mikrogramm legalen V-LSDs enthalten, legte sie auf meine Zunge und ließ sie meine Kehle hinabgleiten.

Noch 30 Sekunden. Da ist mein Atem, da sind meine Schritte, da ist das zarte Kribbeln im Hinterkopf. Ich setze mich ins Laub, lege den Gehstock neben mich. Der Ring um meine Brust, der seit Jahren dort sitzt, beginnt sich zu lösen, und aus meinem Herz beginnen Ranken nach oben in meinen Kopf zu sprießen. Sie blühen aus meinem Mund und meinen Augen, die Kelche weit geöffnet, der Sonne entgegen, hin zum Licht.

Null. Ach, was red’ ich noch - Worte sind nur Regentropfen an einer Scheibe.

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Episode IV. - Die Legende vom eiligen Trinker

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Episode II. - Punk als inneres Erlebnis